Challenge: Smart City

Smart Cities sollen das Leben und die Lebensqualität der Bürger in einer Stadt verbessern.
Smart Cities sollen das Leben und die Lebensqualität der Bürger in einer Stadt verbessern.

Können Smart City-Projekte einen positiven Effekt auf den Klimawandel haben? Warum ist Wien eine smarte Stadt? Und warum liegen die Esten in Sachen Digitalisierung soweit vorne? Ulrich Ahle, CEO der Fiware Foundation hat darauf spannende Antworten.

IoT 4 Industry & Business: Smart City ist ein sehr strapazierter Begriff. Was verstehen Sie darunter?

Ulrich Ahle: Wir verstehen darunter die Möglichkeiten das Leben und die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger in einer Stadt, unter zu Hilfenahme digitaler Möglichkeiten, zu verbessern. Wir sprechen hier auch über Kontextinformationen – also Informationen und Daten die beschreiben, was, wann, wo und warum in einer Stadt passiert. Es geht also darum die Daten zugänglich zu machen und dann für intelligente Lösungen wie z.B. die Parkraumbewirtschaftung, die Abfallwirtschaft, für die Beleuchtung usw. zu nutzen. Was wir heute aber feststellen, ist, dass diese Daten und Informationen sehr häufig in Silos organisiert sind, also in abgekapselten Lösungen ohne die Möglichkeiten, diese Daten auszutauschen. Einer der ersten wesentlichen Schritte der Städte in ihrer Transformation hin zu einer Smart City ist es diese Silos aufzubrechen. Das geschieht dadurch, dass man sich auf gemeinsame Schnittstellenformate, auf sogenannte APIs verständigt und die Daten auf einer gemeinsam genutzten Plattform verfügbar macht und weiterentwickelt.

IoT: Open Source ist das Schlagwort?

Ahle: Für uns ist die Standardisierung und die Replizierbarkeit von Lösungen ein wesentlicher Schritt. Der nächste ist dann: Welche Daten werden ausgetauscht? Da arbeiten wir seit letztem Jahr mit dem TM-Forum zusammen. Das ist ein globaler Zusammenschluss von Telco- und IT-Unternehmen. Zusammen mit elf sogenannte Frontrunner-Cities entwickeln wir einheitliche Datenmodelle. Wenn eine Stadt eine Smart Parking-Lösung installiert dann weiß man, durch welche Daten und Attribute eine solche Lösung beschrieben ist und wie sie genutzt wird. Das sollen in Zukunft einheitliche Datenmodelle sein, die von unterschiedlichen Anbietern genutzt werden, um hier die Übertragbarkeit bestehender Lösungen noch weiter zu vereinfachen.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass die nächsten Jahre eine sehr deutliche Beschleunigung der Nutzung von Smart Solutions zeigen werden.“ – Ulrich Ahle, CEO der Fiware Foundation

IoT: Es gibt einen Städte-Verbund, der sich dem Thema Smart City verschrieben hat. Was zeichnet diese Städte aus? Und was macht Wien?

Ahle: Dieser Verbund heißt „Open and Agile Smart Cities“. Dort haben sich aktuell 125 Städte aus 26 unterschiedlichen Ländern in einer losen Initiative zusammengefunden. Diese Städte haben sich dazu verpflichtet ihre Smart City-Projekte basierend z.B. auf unserer Fiware API „Next Generation Service Interface“ kurz NGSI zu realisieren und auch ihre Erfahrungen und Vorgehensweisen untereinander auszutauschen. Und Wien darf man nicht unterschätzen. Wenn Sie sich einmal „smartdata.wien“ anschauen, dann sehen sie, dass Wien schon eine ganze Menge Smart Data zur Verfügung stellt und zunehmend auch für intelligente Lösungen nutzt.

IoT: Letzten Dezember fand in Wien die ICT Challenge statt. Was ist das?

Ahle: Es ging darum, das Innovationspotenzial junger Startups oder Studenten zu nutzen, um für die definierten Anforderungen unserer Challenge-Provider, wie der Wien Energie oder die Stadt Wien, Lösungen zu erarbeiten. Die Teams aus zirka 40 Teilnehmern hatten dafür 48 Stunden Zeit und haben gezeigt, dass man unter Verwendung der Fiware-basierten Software-Bausteine sehr schnell zu attraktiven Lösungen kommen kann. Die Aufgabenstellung der Stadt Wien lautete „Smarter Together“. Darin ging es um die Entwicklung einer App, mit der die Wiener auf spielerische Art und Weise die Stadt erkunden und auf das Thema Klimawandel und Energieeffizienz aufmerksam gemacht werden sollen. Die Aufgabe von Wien Energie war es, eine Energie-App unter Verwendung verschiedenster Datensätze u.a. aus Solarkraftwerken und Sensornetzen zu entwerfen. Klimawandel und Energieeffizienz sind ein heißes Thema.

IoT: Glauben Sie, dass Smart City-Projekte helfen können, etwas
positiv zu beeinflussen?

Ahle: Definitiv. In vielen Städten entfallen 30 % des innerstädtischen Pkw-Verkehrs auf die Suche nach freien Parkplätzen. Durch Smart Parking haben Sie die Möglichkeit diesen Verkehr sehr deutlich zu reduzieren. Da sind wir wieder beim Thema Kontextinformation, also der Information, wo diese freien Parkplätze sind. Über eine Smart City-Plattform, die ich über eine App oder direkt über das Navigationssystem meines Autos benutze, werde ich nicht mehr zu meiner Zieladresse, sondern direkt zum nächstgelegenen freien Parkplatz geführt. Wir können nachweisen, dass man damit den Parkplatzsuchverkehr und die Produktion von Treibhausgasen sowie Feinstaub reduzieren kann.

IoT: Welche Smart City-Projekte werden Erfolg haben, welche
nicht?

Ahle: Es müssen aus meiner Sicht zwei wesentliche Ziele erfüllt sein. Zum einen müssen diese Anwendungen sehr einfach anwendbar sein und Nutzen für den Bürger erzeugen. Zum anderen müssen diese Lösungen auch helfen, die Kosten einer Stadt zu betreiben und zu reduzieren. Ich habe da ein Beispiel aus Montevideo in Uruguay. Die Stadt hat seit zwei Jahren eine Fiwarebasierte Smart City-Plattform. Aktuell geht es um ein Smart Lighting-Projekt. Im ersten Schritt werden 70.000 Straßenlampen durch LED-Leuchten ersetzt. Durch diesen Wechsel ergibt sich eine Einsparung von 50 % der Energiekosten. Um den Energieverbrauch weiter zu reduzieren gibt es Bewegungssensoren, die feststellen: Es fährt jetzt gerade ein Fahrzeug die Straße entlang. Dann wird eine Lampe heller und gibt die Information an die nächste Lampe weiter, damit der Weg nach und nach beleuchtet wird. Und wenn niemand da ist, wird es auch nicht so hell sein. Damit kann man den Stromverbrauch um weitere 20 % reduzieren. Damit sind wir bei den beiden eingangs genannten Voraussetzungen: Einerseits wird das Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger verbessert, weil sie eine bedarfsorientiere Beleuchtung haben und andererseits gibt es Kosteneinsparungen für die Stadt.

IoT: Wie sehen die nächsten Schritte aus? Gibt es eine
Zukunftsvision?

Ahle: Zunächst müssen wir einmal, bezogen auf die Digitalisierung im öffentlichen Bereich feststellen, dass wir sehr unterschiedliche Stadien in den einzelnen Ländern haben. Deutschland hinkt viele Jahre hinter den führenden Ländern in Europa wie Dänemark und insbesondere Estland hinterher. Die Esten haben schon vor 20 Jahren mit der Vision Estland digital zu machen begonnen. Sie nutzen seit 2005 eine elektronische ID-Karte, in Deutschland haben nur 4 % der Bürger eine solche Funktionalität auf ihrem Personalausweis. In Estland gibt es nur mehr drei Verwaltungsprozesse, für die man als Bürger ins Rathaus muss. Das sind Heirat, Scheidung und ein Hauskauf. Ab 2020 wird es keine gedruckten Schulbücher mehr geben, sondern nur mehr komplett digitalisierten Unterricht. Wenn man also fragt: Wie sieht die Zukunft aus? Dann muss man differenzieren, in welchem Land man lebt. Ich bin fest davon überzeugt, dass die nächsten Jahre eine sehr deutliche Beschleunigung der Nutzung von Smart Solutions zeigen werden, denn die technologischen Möglichkeiten, die wir haben, werden sich nochmal deutlich beschleunigen. Auch die zunehmende Rechenleistung, der nahezu unbegrenzte Speicherplatz, der uns zur Verfügung steht, stellt die Voraussetzung dar, um zunehmend mehr intelligente und digitale Lösungen für die Bürgerinnen und Bürger zur Verfügung zu stellen.

IoT: Das gibt viel Raum für Dinge, die selbst Experten noch nicht für möglich halten?

Ahle: Die Entwicklung die wir in den letzten Jahren erlebt haben, wird sich die nächsten Jahre noch ganz deutlich weiter im Sinne des Moor’schen Gesetzes beschleunigen. Aktuell erleben wir ein deutlich exponentielles Wachstum und damit wird sich die Technologie in den nächsten fünf Jahren sehr viel schneller entwickeln, als wir es in den letzten fünf Jahren erlebt haben. Daher bekommen auch Ethiker in dieser Diskussion ein zunehmend stärkeres Gehör.