Mensch. Daten. Geschäftsmodelle | Deutsch-Österr. Technologieforum 2019

130 Teilnehmer befassten sich am 28. November einen Tag lang mit den Einflüssen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt.
130 Teilnehmer befassten sich am 28. November einen Tag lang mit den Einflüssen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt.

Zum vierten Mal luden die Deutsche Handelskammer für Österreich (DHK) und Fraunhofer Austria Research zum Deutsch-Österreichischen Technologieforum. „Menschen, Daten, Geschäftsmodelle“ standen im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltung im Forum der Raiffeisenlandesbank in Linz.

Zum Startschuss sprach beim Galadinner Digitalisierungsexperte Eberhard Veit vor Entscheidern aus Topunternehmen aus, dass in Europa ein „agiler Sprint“ in Sachen Digitalisierung notwendig sei. Dass die Unternehmen die digitale Transformation als Herausforderung erkannt und angenommen haben, zeigt das große Interesse am Deutsch-Österreichischen Technologieforum. Top-Unternehmen aus beiden Ländern geben einen Einblick in ihre Digitalisierungsstrategien, wissenschaftliche Experten berichten über aktuelle Erkenntnisse und Zukunftsperspektiven.

Dieter Pötsch, kennt die Herausforderungen, die sich gerade in der Automobilindustrie stellen. Er ist Aufsichtsrats-Vorsitzender der Volkswagen AG und seit kurzem Präsident der Deutschen Handelskammer in Österreich.

Herausforderungen durch Digitalisierung

Einer, der sich hier in Linz wie zu Hause fühlt ist der neue Präsident der DHK, Hans Dieter Pötsch. Der gebürtige Oberösterreicher, verortet im Feld „Mensch und Arbeit„ die zentrale Frage im Digitialisierungsbereich. So müsse man bestehende Berufsbilder anpassen und neue entwickeln. Gerade im Automobilbereich stünde man vor großen Herausforderungen. Software spielt für Automobilkonzerne eine immer zentralere Rolle. Und Pötsch weiß als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Volkswagen AG wovon er spricht. Es gibt neue Mobilitätskonzepte, die ohne Digitalisierung nicht umzusetzen wären. Albrecht Reimold, Vorstand für Produktion und Logistik der Porsche AG, hob auch in seiner Rede die Bedeutung digitaler Kompetenzen hervor: „Digitalisierung ist integraler Bestandteil der Porsche-Strategie. Unsere digitale Kompetenz wird in Zukunft ein entscheidender Wettbewerbsfaktor sein.“

Albrecht Reimold, Vorstand Produktion und Logistik, Porsche AG.
Albrecht Reimold, Vorstand Produktion und Logistik, Porsche AG.

Digitalisierung am Bau – ein steiniger Weg

Den Einstieg in die Themen-Vorträge machte am 28. November Christoph M. Achammer, Professor an der TU Wien und CEO von ATM architekten ingenieure in Wien. Eine Digitalisierungsveranstaltung mit der Baubranche zu starten sei mutig, begann Achammer. Liege man in Sachen Digitalisierung doch nur knapp vor Jagd und Fischerei. Dramatische Veränderungen in Kultur, Ausbildung, Transparenz (offenes Wissensmanagement) und Zusammenarbeit seien notwendig, erst dann könne man Technologie sinnvoll einsetzen. Ein technologisches Thema das Architektur- und Baubranche seit geraumer Zeit intensiv beschäftig ist BIM (Building Information Modeling)

Bei BIM geht es um die digitale Abbildung und Interaktion vom ersten Entwurf über Bau bis hin zur Fertigstellung und Wartung eines Gebäudes. Digitale Systeme die die Zusammenarbeit zwischen aller Beteiligter (Ingenieuren, Auftraggeber, Architekten und Auftragnehmern) in einer virtuellen Umgebung ermöglichen. Damit steht auch bei BIM dem Motto des Technologieforums entsprechend der Mensch und die Interaktion im Mittelpunkt. Dass es gar nicht so einfach ist BIM-fähig zu werden, zeigte sich auch in der anschließenden Podiumsdiskussion und der Interaktion mit dem Publikum. Gerade im Softwarebereich sei hier noch Luft nach oben, waren sich die Diskutanten einig.

Digitalisierung für Effizienz, Flexibilität und neue Geschäftsmodelle

Über ein erfolgreiches und bereits weiter ausgereiftes Geschäftsmodell berichtete Thomas Kaeser, Vorstandsvorsitzender von Kaeser Kompressoren, ein Unternehmen, das vor 100 Jahren mit acht Mitarbeitern und zwei Lehrlingen startete und früh den Nutzen von Digitalisierung und Vernetzung erkannte.

„Wenn Digitalisierung nicht den Nutzen bringt, den wir erwarten, dann macht Digitalisierung keinen Sinn.“ – Thomas Kaeser.

Am Beginn der Digitalisierungsstrategie von Kaeser stand vor 25 Jahren die Vernetzung des Unternehmens inkl. aller Tochterfirmen mit der Erwartung einer Effizienzsteigerung. Heute sind im Unternehmen erfolgreiche Beispiele aus dem Bereich Predicitive Maintenance und DaaS (Druckluft as a Service) etabliert.

  • Usecase – Predicitve Maintenance: Im Bereich der Kompressoren ist die funktionierende Kühlung essentiell. In Arbeitsumgebungen, wo das Gerät Staub, Schmutz, sehr üblichen und normalen Einflüssen ausgesetzt ist, verschmutzt die Kühlung und führt auf lange Sicht zu seinem Ausfall. Aufgrund der Messung von Veränderungen bestimmter Parametern wie Temperatur, Zustandsveränderungen etc. und digitaler Datenübertragung, kann vorab eine Wartung geplant und eingeleitet werden, was teure Ausfälle verhindert.
  • Kaeser Digital Workplace beinhaltet Weg der normalen PC-Lösung hin zu Cloud-Lösung um Unabhängigkeit zu schaffen – Ort, Zeit, etc. Kaeser bietet zum einen weltweiteine e-Learning-Plattform an, zum anderen können über die Kaeser Commerce Plattform vorallem Vertriebspartner, die einen wesentlichen Anteil am Kaeser-Geschäft ausmachen, Information und Produkte via Webshop beziehen.
  • Der digitale Zwilling beginnt bei Kaeser schon beim Motorlieferanten (Siemens) und zieht sich durch den gesamten Prozess: von Planung über Realisierung und im laufenden Betrieb als virtuelles Abbild der Realität.
  • Druckluft as a Service: Den Startschutz für den Verkauf von Luft statt kompletter Systeme fiel bereits vor 20 Jahren. Dabei wird die Druckluft wird Verbrauch abgerechnet, das Gerät bleibt im Besitz von Kaeser. Der Vorteil für die Kunden: Keine hohen Investitionen und Fixkosten. Und für Kaeser besteht nur noch geringes Risiko: Man ist nach den Erfahrungen der letzten Jahre in der Lage, umfangreiche Daten zu sammeln und effizient zu laufen, wiederum mit positiven Auswirkungen für den Kunden: Preise „ohne Angstaufschläge“. Ein Modell das sehr erfolgreich läuft.

Aussteller am Technologieforum

Als Aussteller und Sponsoren der Veranstaltung waren Fraunhofer Austria, der Fachverband Metalltechnische Industrie, Orderfox, reqPOOL, Phoenix Contact, GGW Gruber, Rostock Business und die Hannover Messe mit dabei. Ein weiterer Partner, der auch während der Veranstaltung für regen Austausch zwischen Teilnehmern und Vortragenden sorgte war feedbackr. Eine Applikation über die das Publikum Fragen stellen konnte und an Blitzumfragen teilnahm.

Plattform mit breiter 3D-Druck-Expertise

Ein neues Business etablierte auch die Phoenix Contact Tochter Protiq. Clemens Boesen, Head of production bei Protiq stellte den „Digitalen Marktplatz für die Additive Fertigung“ vor, den das 2016 als Startup innerhalb der Gruppe gegründete Unternehmen, betreibt.

Eine Möglichkeit zu einem 3D-gedruckten Bauteil zu kommen ist das Hochladen von CAD-Daten in die Plattform. In der Folge wird analysiert, aus großem Materialportfolio (verschiedener Anbieter, nicht nur Phoenix Contact) wird das entsprechende Material ausgewählt. Boesen umriss die Services im Bereich 3D-Druck, Topologie-Optimierung und welche Konfiguratoren, mit denen sich Interessierte direkt auf https://www.protiq.com/ auseinandersetzen können.

Transparenz für mehr Planungsgenauigkeit

Auch bei Melecs ziehen sich die Mitarbeiter als roter Faden durch den Unternehmenserfolg, berichtet Georg Loisel, VP Quality Management und Production System. So wurde die Produktionsstätte in Siegendort 2018 von Fraunhofer zur „Fabrik des Jahres“ gewählt. Was das Werk auszeichnet ist vorallem, dass die Produktionsplanung anhand von Livedaten passiert, inklusive Rüstzeiten. Alle Mitarbeiter auch im Büro und Vertrieb haben Zugriff zu diesem System mit dem erfreulichen Ergebnis, dass die Planungsgenauigkeit um 30% gesteigert werden konnte, so Georg Loisel.

Umgang mit den Einflüssen der Digitalisierung auf Arbeitswelt

Bei Keba ist Hausverstand Teil der DNA, wobei beim oberösterreichichen Automatisierungsunternehmen die Abkürzung für „Das Neue Arbeiten“ steht und die Einflüsse der Digitalisierung auf die Arbeitswelt berücksichtigt. Neben den klassischen, formellen Strukturen „Wer sorgt dafür, dass etwas weitergeht?“ (Wertschöpfungsstrukturen) ist auch ein Denken und Umdenken außerhalb der Strukturen und eine intensive Auseinandersetzung mit den Menschenbildern notwendig, sagt Gerhard Luftensteiner, Vorstand KEBA. Dynamische Organisation der Rollen, Entdeckung neuer Fähigkeiten und Mitarbeiterbindung sind nur ein Teil des Konzepts. Man löst das im Unternehmen nicht mit umfangreichen Regelhandbücher mit dem Hausverstand-Prinzip.

„Viele glauben, dass Tools alles lösen können. Tools bilden nur die Realität ab.“ Gerhard Luftensteiner, Vorstand KEBA.

Podiumsdiskussion Arbeit 4.0

Die neuen Fähigkeiten, die die Digitalisierung den Mitarbeitern abverlangt und damit verbundenen Schulungsmaßnahmen waren Thema einer Podiumsdiskussion. Eine Podiumsdiskussion, die Mitarbeitern durchaus Hoffnung machen darf, war sie doch geprägt von Chancen, Freiwilligkeit und Entwicklungsmöglichkeiten, die die Zeit mir sich bringt. Rainer Ostermann, Geschäftsführer von Festo Österreich ist überzeugt davon, dass „die Leute lernen wollen müssen.“ So sieht das auch Thoman Gaiswinkler von LinkedIn. Man müsse sich als Unternehmen die Frage stellen „Wie ermögliche ich meinen Leuten sich fortzubilden?“ Die Idee dahinter ist wieder den Mitarbeiter ins Zentrum zu stellen und zu befähigen zu lernen, nicht vorschreiben welche Kurse zu besuchen sind und damit ein „lernförderliches Umfeld“ zu schaffen.

Roland Sommer, GF Verein Industrie 4.0 moderierte die Podiumsdiskussion zum Thema "Weiterbildung der Mitarbeiter und Führung 4.0". Im Bild von links nach rechts: Roland Sommer, Thomas Gaiswinkler (Enterprise Account Executive, LinkedIn Talent Solutions), Rosemarie Pichler (Zukunftsakademie Mostviertel), Robert Rosellen (Lead Enterprise Commercial Business, Microsoft Enterprise Services) und Rainer Ostermann (Geschäftsführer von Festo Österreich)
Roland Sommer, GF Verein Industrie 4.0 moderierte die Podiumsdiskussion zum Thema “Weiterbildung der Mitarbeiter und Führung 4.0”. Im Bild von links nach rechts: Roland Sommer, Thomas Gaiswinkler (Enterprise Account Executive, LinkedIn Talent Solutions), Rosemarie Pichler (Zukunftsakademie Mostviertel), Robert Rosellen (Lead Enterprise Commercial Business, Microsoft Enterprise Services) und Rainer Ostermann (Geschäftsführer von Festo Österreich)

Die Mitarbeiter dürfen Schulungsmaßnahmen nicht als Nachschulung empfinden, denn es Berufe verändern sich und das ist bekannt. Der Schlüssel liegt darin auch frühzeitig bekanntgeben, welche Chancen und welche Möglichkeiten es gibt.

„Man muss die Leute nicht zwingen müssen um in Lernfabriken gehen zu wollen.“ – Rainer Ostermann, GF Festo Österreich.

Die Unternehmen brauchen Unterstützung bei der Requalifizierung ihrer Mitarbeiter. Das kann auch durch die Entwicklung von Partnerschaften zwischen den Technologieunternehmen funktionieren. Ein Best-Practice-Beispiel dafür ist die Zukunftsakademie Mostviertel, eine Plattform für modulare Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, bei der Unternehmen aus der Region mit Bildungspartnern zusammenarbeiten. Welche Bildungsangebote entwickelt werden, richtet sich dabei ganz nach den Bedarfen der Betriebe, erläuterte Geschäftsführerin Rosemarie Pichler im Zuge der Podiumsdiskussion.

Das Video zur Veranstaltung

„Behalten Sie Ihre Intelligenz“ …

… plädierte Digitalisierungsexperte Eberhard Veit als Abschlusssatz der Dinner Night. Nicht alles was möglich ist, muss auch umgesetzt werden, manchmal ist es der Hausverstand der den Unterschied macht.