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Die Roboter-Ära

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GoFaTM und SWIFTITM sind dafür konzipiert, Unternehmen bei der Automatisierung von Prozessen zu unterstützen.

Die neuen Cobots GoFaTM und SWIFTITM von ABB bauen auf dem Erfolg der YuMi®-Familie auf. Seit der Einführung von YuMi im Jahr 2015 hilft der weltweit erste wirklich kollaborative Roboter Unternehmen dabei, wichtige Arbeitsschritte sicher zu automatisieren. Dario Stojicic, MSc. ist Channel Specialist für kollaborative Roboter bei ABB in Wiener Neudorf und stand für ein Interview zur neuen Cobot-Familie sowie die Sicht auf die Zukunft der Robotik zur Verfügung.

Von Stephanie Englert

MM: Herr Stojicic, Robotik und KI – wie passt das zusammen?

Dario Stojicic: Robotik und Künstliche Intelligenz ergänzen sich perfekt! Die Robotik hat sich seit ihrer Anfangszeit stetig neue Technologien zu Nutze gemacht und sich so kontinuierlich über die letzten Jahrzehnte weiterentwickelt. Das beste Beispiel dafür aus eigenem Hause ist: Im Jahr 1974 hat das Unternehmen ASEA (heutige ABB) den weltweit ersten vollständig durch Mikroprozessoren gesteuerten Roboter auf den Markt gebracht. Die Mikroprozessoren wurden aber erst einige Jahre zuvor von Texas Instruments patentiert und läuteten damit selbst eine neue Ära in der Computertechnik ein. Davor waren nur mechanische und hydraulische Antriebsquellen der Standard.

Außerdem wandeln sich mithilfe von Künstlicher Intelligenz technische Lösungen und Prozesse in nie gesehener Weise. Die KI ist das Werkzeug, mit der die Autonomie von Systemen ein neues Niveau erreichen kann. ABB setzt schon heute auf Systeme, die KI nutzen, und kooperiert bei ihrer Weiterentwicklung mit Universitäten und Startups. Um diese Chancen wahrzunehmen, entwickelt ABB KI-Kompetenzen in vielen Geschäftsbereichen und will dieses Feld zukünftig stark ausbauen – auch in Zusammenarbeit mit Partnern.

MM: Mit dem kürzlich präsentierten „SWIFTI“ und „GoFa“ wurden kollaborative Roboter aus dem Hause ABB vorgestellt, die vor allem durch Schnelligkeit punkten. Wo sollen sie eingesetzt werden und welche Nachfrage erwarten Sie sich vor allem in Hinblick darauf, dass durch die Corona-Pandemie die generelle Nachfrage nach Robotik gestiegen ist und weiterhin steigt?

Stojicic: Die beiden kürzlich präsentierten Roboter „GoFa“ und „SWIFTI“ sind die perfekte Erweiterung für unser bereits bestehendes Cobot-Portfolio, welches aus dem kollaborativen Zweiarm-Roboter YuMi und dessen einarmiger Variante besteht. Dank unseres vielseitigen Angebots können unsere Kunden für jede Applikation die passende Kollaborationsform wählen. Für koexistente Applikationen, bei denen grundsätzlich kein Kontakt zwischen Bediener und Roboter stattfinden soll, aber unbeabsichtigt passieren kann, empfehlen wir den Einsatz von SWIFTI. Dank des integrierten Sicherheitspakets (Sicherheitslaserscanner + zertifizierte Sicherheitssoftware SafeMove) kann der Arbeitsraum vor dem Roboter überwacht werden und dieser im Falle eines Bedienerzutritts sicher gestoppt werden.

Im Falle eines Bedienerzutritts stoppt SWIFTI sicher seine Bewegung.
Im Falle eines Bedienerzutritts stoppt SWIFTI sicher seine Bewegung.

Bei kooperativen bis hin zu rein kollaborativen Applikationen, bei denen sich Bediener und Roboter einen gemeinsamen Arbeitsraum teilen, empfehlen wir wiederum GoFa, da dieser aufgrund seiner in jeder Achse verbauten Kraft-Momenten-Sensoren sehr feinfühlig ist. Somit bleibt er im Falle einer Kollision innerhalb weniger Millisekunden stehen. Dank der höheren Traglast ist er für die gängigsten Industrietätigkeiten die perfekte Wahl. Schlussendlich empfehlen wir bei rein kollaborativen Applikationen unsere YuMi-Familie, die dank ihres inhärent sicheren mechanischen Designs und hoher Präzision perfekt für Tätigkeiten auf engstem Raum mit dem Bediener ausgelegt ist.

Unsere Cobots wurden auch dazu entwickelt, um bei der Lösung für z.B. folgende globale Trends und Herausforderungen zu unterstützen: Individualisierung von Kundenbedürfnissen, Fachkräftemangel, Digitalisierung und unvorhergesehene Ereignisse wie aktuell die Corona-Pandemie.

Ein Merkmal der Cobots ist ihre Geschwindigkeit.
Ein Merkmal der Cobots ist ihre Geschwindigkeit.

MM: Was heißt das genau?

Stojicic: Die jetzige Pandemie hat uns gezeigt, wo noch Potenzial darin besteht, den Menschen bei etwa repetitiven und gefährlichen Aufgaben mit Cobots zu unterstützen. Bestes Beispiel dafür ist unsere YuMi-Familie, die aktuell zum Beispiel bei der Auswertung von PCR-Tests hilft und diese damit erheblich sicherer und schneller gestaltet. Überall dort wo es stetig wiederholende Tätigkeiten gibt, die eine konstante Konzentration und Präzision über einen längeren Zeitraum erfordern oder wo die Tätigkeit unergonomisch für den Menschen ist, können Cobots ideal in solche Arbeitsschritte integriert werden und ihre Stärken ausspielen.

Dementsprechend erwarten wir eine höhere Nachfrage vor allem von Unternehmen, die bisher den Einsatz von Robotern aus diversen Gründen gescheut haben oder vielleicht auch noch gar nicht daran gedacht haben einen Cobot einzusetzen.

MM: Künstliche Intelligenz ist im B2B-Geschäft und in der Industrie präsent. Wie groß sind Ihrer Ansicht nach in Europa die Chancen, eine Vorreiterrolle einzunehmen?

Stojicic: Die Chancen sind meiner Meinung nach groß. Es gibt derzeit viele innovative Unternehmen und Startups, welche sich mit dem Thema KI beschäftigen. Wenn man zur richtigen Zeit auf das richtige Pferd setzt, dann ist die Vorreiterrolle schnell eingenommen. Man muss dafür aber auch das richtige Gespür haben und bereit sein das Risiko einzugehen.

MM: Was bedeutet das für ABB?

Stojicic: Die weitere Entwicklung von autonomen Systemen und KI ist Teil der Zukunftsvision von ABB: In der autonomen Fabrik der Zukunft werden die Menschen Seite an Seite mit KI-gestützten Cobots arbeiten. Die Kombination aus autonomen Systemen, industrieller KI und kollaborativen Robotern wird es den Kunden von ABB ermöglichen, eine breitere Palette spezifischer Produkte
herzustellen. Und sie werden dies effizienter, wirtschaftlicher und vor allem umweltverträglicher tun, indem sie wertvolle Ressourcen nutzen, ohne die Welt zu verbrauchen.

MM: KI bietet ebenfalls mehr Flexibilität innerhalb der modernen Produktion. Stimmen Sie dem zu?

Stojicic: Dem stimme ich voll und ganz zu. Der Grund ist simpel: Industrieroboter sind nur so „klug“ wie das Programm, welches auf ihnen läuft. Wenn dank KI die Möglichkeit besteht, dass der Roboter gewisse Tätigkeiten bis zu einem gewissen Grad selbst lernt, dann ergeben sich völlig neue Möglichkeiten.

MM: Nennen Sie bitte ein Beispiel!

Stojicic: Also: Ich möchte mit einem Industrieroboter zehn unterschiedliche Produkte von einem Förderband entnehmen und sie in die passenden Ablagen legen. Dafür erstelle ich im Vorhinein ein Programm. Die Anlage läuft ohne Probleme für diese zehn angelernten Produkte. Wenn ich jetzt aber ein Produkt „elf“ entnehmen möchte, dann muss ich die Anlage stoppen und das Programm verändern. Das kostet Zeit und Geld. Mit passender KI könnte der Roboter selbst das Produkt „Nummer elf“ identifizieren, seine Bahn anpassen und es entsprechend ablegen.

MM: Sie haben bisher schon einige Male „Startups“ in Ihren Ausführungen erwähnt. Wie sehr spielen diese generell für ABB in puncto KI, Digitalisierung eine Rolle?

Stojicic: Bei ABB spielen Startups eine große Rolle. Wir haben sogar mehrere Kooperationen weltweit. Nicht nur mit Startups, sondern auch mit vielen renommierten Forschungseinrichtungen aus denen viele erfolgreiche Startups hervorgegangen sind. Der Vorteil bei der Kooperation mit ihnen ist jener, dass diese einen völlig neuen Blickwinkel auf eine bestehende Herausforderung ermöglichen. ABB hat bereits 2018 ein Programm für Startups gestartet, die ihre KI-Lösungen im Industriebereich testen und vermarkten wollen.

Die Initiative wird sich auf europäische Startups konzentrieren, die innovative Lösungen für Anwendungsbereiche von ABB anbieten. Auf diese Weise können beide Seiten ihre Kräfte in einem disruptiven Zeitalter bündeln, in dem KI immer stärker in der industriellen Automatisierung Anwendung findet und den Weg zu autonomen Systemen ebnet. KI-Lösungen von ABB können auf verschiedenen Ebenen eingesetzt werden, von einfachen Open Loop- bis hin zu komplexen Closed Loop-Lösungen für unterschiedliche Branchen.

MM: Haben Sie hier vielleicht auch kurz ein nennenswertes Beispiel, auf das Sie näher eingehen können?

Stojicic: Ein Paradebeispiel dafür wäre unsere Partnerschaft mit dem Startup Covariant aus dem Silicon Valley. Begonnen hat alles 2019 mit einem von uns ausgeschriebenen Wettbewerb zwischen 20 führenden, auf KI spezialisierte Startups. Die Herausforderung war, Lösungen für 26 reale Anwendungsfälle in den Bereichen Verpackung und Kommissionierung zu entwickeln.

Ziel wiederum war es zu prüfen, ob KI bereits ausgereift genug ist, um das Potenzial der Robotik und Automatisierung voll zu entfalten sowie einen Technologiepartner für die Entwicklung einer robusten KI-Lösung zu finden. Die Lösung sollte dazu in der Lage sein, individuelle Objekte unterschiedlichster Art eigenständig zu identifizieren und zu greifen.

Covariant, gegründet von renommierten KI-Forschern der University of California (Berkeley) und der Organisation Open AI, gewann den Wettbewerb. Die Software des KI-Startups Covariant Brain ist eine universelle KI, mit der Roboter ihre Umgebung erkennen, einschätzen und darin entsprechend agieren können. So können sie Aufgaben erledigen, die für herkömmlich programmierte Roboter zu vielfältig und komplex sind. Die von Covariant entwickelte Software ermöglicht Robotern zudem „Reinforcement Learning“: Durch Tests erweitern die Roboter eigenständig die Anzahl der Artikel, die sie greifen können. Die erste gemeinsame Lösung von ABB und Covariant ist bereits bei Active Ants im Einsatz. Active Ants ist ein führender, niederländischer Anbieter von Fulfillment-Dienstleistungen für Online-Händler in Utrecht und Teil der bpost-Gruppe, Belgiens führendem Postbetreiber und Paket- und E-Commerce-Logistikdienstleister.

MM: Vielen Dank!

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