Im Gespräch MM Maschinenmarkt

Michael T. Sander: An ERP führt kein Weg vorbei

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ERP ist der Kern und die Datendrehscheibe für Digitalisierung im Unternehmen. Hier docken alle anderen internen und externen Systeme an. Hier lassen sich Erfolge generieren, ist Michael T. Sander, CEO der proAlpha Software Austria GmbH überzeugt.

Wer sein ERP-System nicht richtig ausnützt, wird Schwierigkeiten haben die digitale Transformation im Unternehmen voranzubringen. Das ERP ist die Grundvoraussetzung für die Digitalisierung und damit die unbedingt erforderliche „Hausübung“, sagt Michael T. Sander, CEO der proAlpha Software Austria GmbH. Das Unternehmen ist Industrie 4.0-Profi und Forschungspartner der Smart Factory der TU Graz.

Sie sagen ERP ist das Herzstück der Digitalisierung. Wie digital ist denn der Mittelstand in Österreich?
Michael T. Sander: Die meisten Unternehmen haben die Wichtigkeit der Digitalisierung schon erkannt. Dennoch ist die Umsetzung teilweise noch nicht so weit fortgeschritten, wie sie es sein sollte. Manche Unternehmen befinden sich aktuell noch in einem gefährlichen Halbschlaf. Laut einer Studie des KSV1870, die 2019 erschienen ist, geben 68 % der befragten österreichischen Unternehmen an, keine digitale Agenda zu besitzen oder zu planen, um ihr Unternehmen zukunftsfit zu machen. Das sind mehr als zwei Drittel – und das ist bedenklich. Immerhin erkennen 84 % der Unternehmen sehr wohl, dass der eigene Markt durch die Digitalisierung verändert wird. Das deckt sich auch mit der Studie von PAC „Digitalisierung im deutschen Mittelstand“, die Ende 2018 durchgeführt wurde. Die Meinung der Befragten stimmte hier klar mit der Einschätzung PACs und unserer überein: Wer sich der Digitalisierung verschließt, läuft Gefahr der Konkurrenz nicht nur den Markt, sondern auch die Zukunft zu überlassen. 

Jeder versucht kommunikationsfähige Systeme und Sensoren einzusetzen. Ist man damit schon digital?
Michael T. Sander: Der Einsatz von derartigen Systemen und Sensoren ist ein Anfang, reicht aber noch nicht aus, um ein Unternehmen wirklich als „digital“ zu bezeichnen. Es ist erstaunlich, wie viele Unternehmen zwar bereits ein ERP-System eingeführt haben, aber teilweise nur einen Bruchteil der Möglichkeiten, die ein solches System mit sich bringt, tatsächlich ausschöpfen.
Um ein Unternehmen überhaupt im Sinne der digitalen Transformation weiterentwickeln zu können, müssen erst die nicht gemachten Hausübungen der vergangenen Jahre abgearbeitet und erledigt werden. Denn eine erfolgreiche digitale Strategie kann nur auf einer soliden Basis aufgesetzt werden. Diese Basis heißt eben: digitalisierte Prozesse auf der Grundlage eines durchgängigen und integrierten ERP Systems.

Hat ERP mit Artificial Intelligence (AI) und Machine Learning (ML) etwas zu tun? Wo wäre eine Verknüpfung möglich und sinnvoll?
Michael T. Sander: Diese drei Dingen haben nicht notwendigerweise etwas miteinander zu tun. ERP braucht aus meiner Sicht heute noch nicht unbedingt das Thema Artificial Intelligence. Es kann durchaus auch anders erfolgreich sein. Ernst nehmen muss man das Thema natürlich trotzdem, vor allem als ERP-Anbieter. Dennoch gilt es zu beachten, wie wenige von den ERP-Funktionalitäten manche Kunden eigentlich nutzen. Mein Rat lautet daher, sich erst auf das vorhandene System zu konzentrieren und dieses besser zu nutzen ehe über AI und ähnliche Themen nachgedacht wird. Zwischen ERP und Machine Learning gibt es bereits sinnvolle Verknüpfungen – das zeigen bereits diverse Use Cases. Einer unserer Kunden verknüpft im Rahmen eines Forschungsprojekts ML mit ERP, um so die gesamte Fertigungsplanung zu optimieren. Dabei geht es auch um Themen wie Reduktion oder sogar Vermeidung von Ausschuss. Es gibt folglich einige wesentliche Benefits, von denen Unternehmen stark profitieren können.

Mobiles Arbeiten ist nicht mehr wegzudenken. Was bietet proAlpha hier konkret an?
Michael T. Sander: Das Thema Mobilität ist schon seit vielen Jahren ein Dauerbrenner im Umfeld der Unternehmenssoftware, insbesondere auch im Industrieumfeld. Da ist es eine klare Notwendigkeit für ERP-Anbieter diese Möglichkeit zu erkennen und umsetzbar zu machen. Denn Mitarbeiter, die mobil mit einem ERP-System arbeiten, haben andere Anforderungen als jene, die stationär mit einem PC arbeiten. Auf mobilen Geräten, einem Smartphone etwa, wird dem Anwender eine simplere Oberfläche angezeigt, da zu viele Buttons nicht mehr lesbar wären. Idealerweise werden dem Anwender nur jene Daten angezeigt, die der jeweilige Prozess gerade benötigt.
proAlpha bietet ein umfassendes Mobility-Portfolio, das die verschiedenen Bereiche, von der Produktion und Lagerverwaltung über den Vertrieb bis hin zum Service, abdeckt. Damit ermöglichen wir unseren Kunden effiziente und mobile Prozesse.

Michael T. Sander, CEO der proAlpha Software Austria GmbH
Michael T. Sander, CEO der proAlpha Software Austria GmbH

Sie sind Forschungspartner der Smart Factory der TU Graz. Was ist der Beitrag von proAlpha?
Michael T. Sander: Hier haben wir ein sehr interessantes Forschungsprojekt, das von Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Rudolf Pichler geleitet wird. Die Zusammenarbeit mit der Smart Factory der TU Graz hat sich vor zwei Jahren ergeben. Wir haben ein spannendes Projekt mit diversen Industriepartnern, mit denen die Zusammenarbeit hervorragend funktioniert. Eines der Hauptprojekte ist jenes der „Late Customer Intervention“. Das bedeutet wir erforschen, bis zu welchem Zeitpunkt und mit welchen Mitteln dem Kunden in einem Fertigungsumfeld noch die Möglichkeit geboten werden kann, in die Konfiguration bzw. in die Ausgestaltung seines Produktes einzugreifen. Nämlich sogar dann, wenn der Fertigungsprozess bereits begonnen hat – und genau das ist das Besondere daran. Da man hierbei die gesamte Prozesskette bedenken muss, ist es ein sehr trickreiches Unterfangen. Denn die Möglichkeiten sind zu jedem Zeitpunkt unterschiedlich. Es hängt immer davon ab, welche Änderungen der Kunde noch möchte, wie überprüft werden kann, ob diese Änderungen tatsächlich noch möglich sind und in welchem Zeitraum all das entschieden werden kann. Für manche Änderungen gibt es einen Point-of-no-return. Am 14. April dieses Jahres gibt es die große Eröffnungsfeier der Smart Factory der TU Graz.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen Industrie 4.0 und Smart Factory?
Michael T. Sander: Die Smart Factory ist ein Ausschnitt von Industrie 4.0. Sie bewegt sich hauptsächlich entlang der vertikalen Wertschöpfungskette, also innerhalb des Unternehmens. Sie fokussiert auf den Materialfluss und den Produktionsablauf und bedingt die Vernetzung von unterschiedlichen Maschinen und Systemen. Der Bereich, mit dem größten Potenzial von Industrie 4.0 liegt in der horizontalen Wertschöpfungskette, entlang des Kundenprozesses – von der Anfrage des Kunden bis hin zum Service im Feld. Darin lassen sich echte Alleinstellungsmerkmale und neue Geschäftsmodelle im Wettbewerb der Unternehmen finden. Aus meiner Sicht machen wir in Europa – insbesondere in der DACH Region – häufig den Fehler Industrie 4.0 auf einen fabrikszentrierten Ansatz zu reduzieren. Es geht um die durchgängige Digitalisierung entlang der beiden unterschiedlichen Ausprägungen der Wertschöpfungskette. In Fertigungsbetrieben ist das ERP-System der Dreh- und Angelpunkt von Industrie 4.0.

Unternehmen fürchten sich häufig vor der Einführung eines ERP-Systems. Wie können Sie den Kunden die „Angst“ nehmen?
Michael T. Sander: Zu den wesentlichen Stärken von proAlpha gehören unsere Branchenkompetenz und die Art und Weise wie wir Projekte bei Kunden umsetzen. Wir verfügen über eine sogenannte proAlpha Best Practice Prozessbibliothek, in der proAlpha Standard-ERP-Prozesse, in ihrer branchenspezifischen Ausprägung, dokumentiert sind. Daraus ergibt sich auch eine spezielle Einführungsmethodik, namens proAlpha Fast Track. Das ist ein prototypischer Ansatz, der es uns erlaubt, den Projekterfolg maximal abzusichern. Er garantiert die Akzeptanz unseres Produkts beim Kunden, da die maßgeblichen Mitarbeiter schon sehr früh mit dem System auf Tuchfühlung gehen. Zusammen mit unserer Prozessbibliothek ergibt sich ein klarer Leitfaden für die Projektumsetzung. Das bietet sowohl vom Zeitmanagement als auch vom Budget her einen wesentlichen Sicherheitsaspekt und ist aus unserer Sicht der größte Nutzen für unsere Kunden.

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