Im Gespräch | Verstehen wir Digitalisierung?

Die Frage nach dem „Was ist Digitalisierung?“ steht der Frage „Kann ich sie mir leisten?“ gegenüber.
Die Frage nach dem „Was ist Digitalisierung?“ steht der Frage „Kann ich sie mir leisten?“ gegenüber.

Mit der Studie Engineering 4.0 eröffnete Eplan spannende Einsichten in die Effizienz- und Handlungsfelder des Engineerings. Was Engineering 4.0 schließlich in der Praxis ausmacht und wo es derzeit eher Herausforderungen als Erfolge gibt, diskutierte Ing. Robert Erasmus, Leiter Professional Services AT/SEMEA, am neuen Eplan Österreich-Standort in Stift Ardagger mit Stephanie Englert.

IoT4 Industry & Business: Im Juni stellte Eplan die Studie Engineering 4.0 vor. Weshalb wurde diese in Auftrag gegeben?

Ing. Robert Erasmus: Zu viele Unternehmer stellen sich immer noch die Frage, weshalb der Weg in die Digitalisierung für sie der richtige sei. Die Vorteile, die mit ihr und den Produkten am Markt, wie eben dem Eplan-Angebot, einhergehen – vor allem in Zeiten des ausgeprägten Facharbeitermangels – sind leider noch nicht überall vorgedrungen. Das bedeute für uns ganz klar eines: Nämlich, dass die strategische Digitalisierung der Konstruktion und steuerungstechnischen Auslegung von Maschinen und Anlagen im Rahmen der Studie durch das European 4.0 Transformation Center am RWTH Aachen Campus in Deutschland untersucht wurde. Das Ergebnis ist der 38-seitige Forschungsbericht Engineering 4.0. Dieser fußt auf einer achtmonatigen Felduntersuchung bei deutschen Maschinenbauern im Serien- und Sondermaschinenbau, bei Ingenieurbüros bzw. Hardwareplanern sowie Geräteherstellern.

Ich zitiere: „Die entwickelte Methodik zur Quantifizierung von Potenzialen und Maßnahmen im Engineering ermöglicht somit erstmals eine fundierte Reflexion gegenwärtiger Engineering-Workflows im Serien- und Sondermaschinenbau.“ Die zentrale Erkenntnis, die wir als Eplan daraus geschlossen haben, lautet: Wer sein Engineering teilautomatisiert, erzielt das betriebswirtschaftlich optimale Verhältnis von Aufwand und Nutzen.

Was wurde bei der Erhebung hinterfragt?

Erasmus: Es wurde mit einer so genannten Bewertungsmatrix mit fünf Effizienzstufen gearbeitet. Der Efficiency Level (eLevel)-Matrix mit weitreichenden Aussagen zum Methodik-Workflow ist einer Use Level-Matrix beigestellt. Sie beschreibt und bewertet die Nutzung von CAE-Software als Grundvoraussetzung für Engineering 4.0. Die Studie lässt gleich zu Beginn auf den Forschungsgegenstand schließen. Untersucht wurden insgesamt zehn Prozessschritte, die das Engineering im Maschinenbau  Serien-/ Sondermaschinenbau) prägen. Das erstellte Engineering-Workflow-Modell umfasst die typischen Arbeitsschritte eines Auftragsdurchlaufs.

Mit welchem Ergebnis?

Erasmus: Aus den erhobenen Daten leiteten die Wissenschafter ab, dass Unternehmen von eLevel zu eLevel um die 20 % effizienter werden könnten. Ein Beispiel: 10 % Aufwand für eine Standardisierung ermöglicht eine um 50 % schnellere Stromlaufplanerstellung. 25 % Zeitersparnis bei der Stromlaufplanerstellung bringt die geräteorientierte Arbeitsweise. Die Hälfte der Zeit bei der Stromlaufplanerstellung sparen Nutzer mit einer  Schaltungsbibliothek für Produktfunktionen. 75 % geringerer Aufwand in der Prüfung der Schaltpläne wird erreicht durch Nutzung einer umfassenden Schaltungsbibliothek und 100% Zeitersparnis bei der Erstellung aller Reports sind durch eine Standardisierung erreichbar.

Was bedeutet das in der Praxis? Sind „alle“ Unternehmen zu Eplan-Lösungen gewechselt?

Erasmus: Das wäre sicherlich wünschenswert, aber so ist es noch lange nicht. Aufklärungsarbeit, das klassische Consulting, das auch in meinen Aufgabenbereich fällt, ist noch vielfach in der Praxis anzuwenden. Die Unternehmen wollen mit ihren offenen Fragen abgeholt werden. Somit spielt der so genannte Presales, die Beratung und Unterstützung vor dem Vertrieb, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Dann erst folgt der klassische Vertrieb und im dritten Schritt die Implementierung.

Und mit dieser dann auch der Support.

Erasmus: Das ist richtig. Unsere Hotline und unser Support sind Teil der Professional Services bei Eplan. Da wir insgesamt in 56 Ländern weltweit vertreten sind sowie unsere Produkte in insgesamt 19 Sprachen (Tendenz steigend) zu erwerben sind, ist auch unsere Hotline internationalisiert und 24/7 erreichbar.

Sie sagen, Eplan ist weltweit vertreten. Industrie 4.0, Digitalisierung, IoT etc. sind ebenfalls globale Themen. Sind demnach auch alle Länder/ Kontinente gleichauf mit den jeweiligen digitalen Entwicklungen?

Erasmus: Nein. Man merkt hierbei ganz deutlich, dass die Entwicklung in den unterschiedlichen Ländern auch unterschiedlich ausgeprägt ist. In manchen wird stärker versucht, die eher technologischen Entwicklungen voranzutreiben als in die Unternehmen die Digitalisierung zu bringen. Ein sehr wichtiges Thema in Zentraleuropa ist aktuell die durchgängige Wertschöpfungskette bei unseren Kunden. Die Industrie ist überall anders und das macht es aber auch wieder sehr spannend.

Sie sind nun seit sieben Jahren bei Eplan Österreich. Wie hat sich in dieser Zeit Ihr Aufgabengebiet in Zuge der parallellaufenden digitalen Entwicklungen am Markt selber entwickelt?

Erasmus: Bei Eplan Österreich sind wir derzeit 35 Mitarbeiter. Davon sind 1/3 zuständig für den klassischen Vertrieb und das Business Development. Ein weiteres Drittel bilden das klassische Marketing, die Auftragsabwicklung und Administration etc. und das letzte Drittel sind wir – mein Team und ich mit den Kompetenzfeldern Beratung, Training und Hotline. Und dieser ganze Bereich des Professional Services wird nicht nur meiner Ansicht nach sondern auch belegbar immer wichtiger.

Weshalb?

Erasmus: Als ich im November 2012 anfing, waren in meinem Team insgesamt zwei Berater. Seitdem sind wir kontinuierlich gewachsen. Inzwischen zähle ich sechs Mitarbeiter. Darüber hinaus haben wir zwei hauptberufliche Trainer hier im Haus in Stift Ardagger. Mit dem neuen Standort haben wir jetzt auch mehr Schulungsräume – und zwar drei. Zusätzlich zählen wir weitere Trainingsmöglichkeiten für Graz, Salzburg, Innsbruck und Wien.

Und mit welchem Produkt ist Eplan am erfolgreichsten?

Erasmus: Einen wichtigen Anteil unseres Geschäftes machen wir mit Eplan Electric P8, unserem „Werkzeug für den Elektriker“. Hier können Stromlaufpläne, Maschinenverkabelungen etc. durchgeführt werden. Weiters haben sich im Laufe der Zeit parallel zu unseren Kernprodukten weitere Entwicklungen ergeben. So bieten wir etwa Eplan Fluid für Drucklufttechniker, Hydrauliker etc. an. Auch Eplan Pro Panel für den Schaltschrank in 3D-Ansicht ist auf dem Markt erfolgreich angekommen. Weiters bieten wir Eplan Harness proD für das Kabelengineering in der gesamten Industrie an. Der digitale Zwilling spielt auch immer stärker eine Rolle beim Arbeiten. Er dient der Vereinfachung der täglichen Arbeit und wird meiner Ansicht nach DAS pulsierende Herzstück der industriellen Produktion im 21. Jahrhundert werden. Es hat sich in den letzten Jahren auch immer mehr herauskristallisiert, dass es bei dieser Entwicklung am Markt um die so genannte Datendurchgängigkeit im Zuge der Digitalisierung geht. Die Frage: Wie kann ich digitalisieren? ist eine Frage, der man sich eben stellen muss.

Ein weiterer ganz wichtiger Bereich, den wir immer wieder ansprechen, ist das Thema des Methodenwechsels in der Art und Weise wie Engineering betrieben wird. Unsere Kunden sind gefordert nicht bei jedem Projekt wieder mit Copy&Paste aus bestehenden Projekten neue Anforderungen umzusetzen (das nennen wir engineer to order), sondern vielmehr aus Bibliotheken mit vorgedachten Teillösungen oder Baukästen über Konfigurationen neue Projekte zusammenzustellen (das nennen wir configure to order). Mittels Standardisierung werden hier Fehler vermieden und für Anwender werden die immer wiederkehrenden, langweiligen Arbeiten stark reduziert.

Ist Digitalisierung somit bei den Betrieben angekommen? Das ist doch die Frage, die immer wieder aufkommt.

Erasmus: Und die Antwort lautet „ja“, aber nur im Verständnis und nicht in der Umsetzung. Hier stehen viele unserer Kunden noch ziemlich am Anfang und das ist das große Problem. Wenn ich eine Digitalisierungsstrategie durchführe kommt einher, dass ich mich um meine Stammdaten kümmern muss. Mir liegen dann zwei Möglichkeiten vor. Vereinfacht gesprochen kann ich ein Team ein halbes Jahr lang damit im stillen Kämmerlein beschäftigen, alle Stammdaten einmal zu digitalisieren. Ich kann auf der anderen Seite natürlich auch schleichend, je nach Projekt, den jeweiligen Leiter sich damit befassen lassen und die Stammdatenbearbeitung nach und nach abarbeiten.

Dann liegt aber plötzlich der Fall vor, dass der Zeitrahmen eines Projektes zu Beginn um Tage länger dauern kann. Dann stellt sich selbstredend die Frage, weshalb man digitalisieren muss und trotzdem der Prozess im Endeffekt nun länger dauert als die
Digitalisierung es prophezeit?

Vielen Unternehmen dauert auch der ROI zu lange.

Erasmus: Das stimmt. Es ist also auch eine Frage der Unternehmensgröße. Denn oft ist es der Fall, dass man sich fragt, wie man die Digitalisierung angeht, nicht ob ich sie vollziehe. Bei vielen fehlen schlichtweg auch die Ressourcen. Ein anderer entscheidender Faktor ist aus meiner Sicht, dass es eine klare Entscheidung des Managements geben muss, die Digitalisierung zu 100 % mitzutragen.

Die Unternehmenslandschaft in Österreich besteht hauptsächlich aus KMU. Haben wir also ein Digitalisierungsproblem?

Erasmus: Nein, dieses Problem sehe ich nicht. Denn unsere Kunden geben eigentlich schon eine Antwort. Wir verzeichnen den wirklichen 1-Mann/Frau-Betrieb genauso wie die großen Anlagen- und Maschinenbauer. Es geht einfach darum, sich frühzeitig um die erwähnte Stammdatenaufbereitung zu kümmern. Und wir als Unternehmen innerhalb der gesamten Loh-Gruppe bieten hier optimale Ansätze. Viele Projekte bei KMU zeigen schon, dass man sich im harten Wettbewerb durch Standardisierung und Optimierung Vorteile verschaffen kann.

Das bedeutet: „Wir“ sind am Weg der Digitalisierung?

Erasmus: Ja und gleichzeitig wirken wir mit unseren Lösungen auch dem Fachkräftemangel dieser Zeit entgegen. Durch den Einsatz unserer Produkte und anhand des digitalen Zwillings wird der Arbeiter bereits im Vorfeld darüber informiert, was in der Praxis geht bzw. eben nicht geht.

Das bedeutet der digitale Zwilling eliminiert die Fachkräfte in manchen Bereichen?

Erasmus: Nein, denn die Situation ist ja eine andere. Das Problem bei den Fachkräften ist doch, dass wir zu wenig in das reine Engineering hineinbekommen. Einen wirklich guten Techniker, der/die weiß was er/sie kann und macht, der/die eine solide Ausbildung genossen hat und bereits über Praxiserfahrung verfügt, diese Gruppe bekommt man nur noch sehr wenig am Arbeitsmarkt, leider. Und diese wollen dann oft auch nicht ins Engineering, genauso wenig wie auf der anderen Seite die Akademiker das möchten.

Die goldene Mitte fehlt.

Erasmus: Das ist Tatsache. Daher ist die österreichische HTLAusbildung grundsätzlich ja eine gute Ausbildung, aber es fehlen einfach die Menschen, die diese Ausbildung absolvieren. Eplan hat aber auch hier ein Konzept, um bereits in der Ausbildung aktiv zu werden. Wir unterstützen die Ausbildung mit unserer Eplan Education-Software, die bereits einen Großteil der HTL in Österreich einsetzt. Diese geht mittlerweile soweit, dass die Schüler eine Zertifizierung zum Eplan Certified Student in Kooperation mit der „Technischen Akademie in Esslingen“ abschließen können. Darüber hinaus wird die Education-Software auch in Lehrwerkstätten zur Ausbildung von Facharbeitern sowie in manchen Werkmeisterkursen eingesetzt.

Das bedeutet?

Erasmus: Den Fachkräftemangel möchten wir schließen, indem wir versuchen die Fachkräfte, die ja noch da sind, auf eine andere Ebene hin zu bewegen. Man muss auch ganz klar festhalten, dass der Engineeringmitarbeiter im Büro heutzutage vielleicht beliebter ist als der Produktionsmitarbeiter bei der Maschine.

Kommen wir noch einmal zum Eplan-Produktangebot zurück. Hier steht ja auch seit einiger Zeit das Thema Cloud im Fokus. Gleichzeitig stellt sich dann auch wieder die Frage nach der Datensicherheit. Wie begegnen Sie dieser Herausforderung?

Erasmus: Wir entwickeln innerhalb der Friedhelm Loh-Gruppe unsere Cloud-Angebote und haben dabei die Bedürfnisse unserer Kunden stets im Blick. Das Eplan-Data-Portal ist dabei etwa weltweit etabliert als Hersteller-Bibliothek zum Download von Gerätedaten. Seit einiger Zeit haben wir Eplan eView, um das Spektrum der Lösungen, mit dem ECAD-Projekte gesichtet, geprüft und per Redlining-Workflow kommentiert werden können, erweitert. Unter dem Dach von Eplan ePulse wird der begonnene Kurs der agilen Cloud-Entwicklung nun im Diskurs mit Kunden und Partnern konsequent fortgesetzt. Insgesamt ist das Angebot der Loh-Gruppe sehr umfangreich und strategisch in eine Richtung klar ausgelegt: Digitalisierung.

Das bedeutet, Security ist auch ein wichtiges Thema bei Eplan?

Erasmus: Security ist ganz klar Thema, denn alle Produkte von uns werden am Server oder Notebook installiert. Somit spielen diese Bereiche eine wesentliche Rolle. Die Diskussionen beginnen meist dann, wenn Maschinenhersteller ihr Know-how nicht in die Cloud geben wollen, obwohl diese ja auch ausgedruckt vorliegen und somit der 100prozentige Sicherheitsaspekt ebenso in Frage gestellt werden kann. Ängste spielen hier eine große Rolle. Die muss man den Kunden dann nehmen.

 

>> Interview aus Ausgabe Nr. 3/2019 IoT4 Industry & Business – Die gesamte Ausgabe lesen Sie hier als ePaper.