Interview | Für Mike Pichler von ABB ist Sensibilisierung entscheidend

Der Druck auf Unternehmen wächst. Cyberangriffe, kleine Losgrößen und Digitalisierung fordern Flexibilität und Lösungen. Partnerschaften können dabei ein Weg sein, meint Mike Pichler, Account Manager & Cyber Security-Experte im Bereich Energy Industries Öl & Gas von ABB in Österreich.

IoT4 Industry & Business: ABB und Dassault Systèmes haben Anfang des Jahres bekannt gegeben, eine globale Software-Partnerschaft für digitale Industrien zu gründen. Was ist der Hintergrund?

Mike Pichler: ABB und Dassault Systèmes haben Anfang 2019 eine weitreichende globale Partnerschaft bekannt gegeben, um Kunden aus der digitalen Industrie ein einzigartiges Software-Lösungsportfolio anzubieten. Das Angebot reicht vom Produktlebenszyklus-
Management bis hin zu Investitionssicherheit. Die beiden Unternehmen werden ihren Kunden ein umfassendes Angebot an fortschrittlichen, offenen digitalen Lösungen offerieren: Diese verbessern die Wettbewerbsfähigkeit von Industrieunternehmen
und erhöhen die Flexibilität, Geschwindigkeit und Produktivität der Produktlebenszyklen, der Fertigung und des Betriebs ihrer Produkte.

Inwiefern ist diese Zusammenarbeit für ABB und Unternehmen allgemein ein Schritt in Richtung Digitalisierung?

Pichler: In der hoch automatisierten Industrie von heute helfen digitale Fabrikationsmodellierung und fl exible, robotergestützte Fertigungssysteme den Unternehmen dabei, mehr Design-Iterationen schneller und mit solideren Designs zu erstellen. Dies wiederum trägt dazu bei, die Verlagerung von der Massenproduktion
hin zur individualisierten Fertigung in großer Stückzahl zu beschleunigen, bei der Waren in einer größeren Vielfalt und in kleineren Chargen sowie in kürzeren Produktlebenszyklen
hergestellt werden. Für viele Hersteller sind die Kosten für Ausfallzeiten in den letzten
Jahren dramatisch gestiegen, da die Just-in-Time-Lieferung zur Norm geworden ist. Eine Stunde Ausfallzeit an einem modernen Produktionsstandort kann mehr als eine Million US-Dollar kosten. Die Partnerschaft von ABB und Dassault Systèmes fokussiert sich im ersten Schritt auf folgende Themen:

  • Fabrikautomatisierung und Robotik
    Die Erfahrungen von ABB und Dassault Systèmes im Bereich digitaler Zwillinge zur durchgängigen Optimierung von Prozessen und Systemen in Kombination mit der Flexibilität der Roboterautomatisierung werden Unternehmen die Agilität geben, sich an
    immer dynamischere Märkte anzupassen.
  • Intelligente Gebäude
    Die digitale Partnerschaft zwischen Dassault Systèmes und ABB rund um digitale Zwillingssysteme wird einen nahtlosen Arbeitsablauf bei der Planung, dem Engineering und dem Betrieb von Gebäuden sowie vernetzte nachhaltige Transportlösungen ermöglichen.
  • Prozessindustrie: Beispiel Bergbau
    Ein digitales Modell der Untertageumgebung in Verbindung mit Minenplanungs- und -steuerungssystemen würde den Energieverbrauch und die Minenautomatisierung optimieren sowie Minenbetreibern ermöglichen, die Produktion in Echtzeit zu
    überwachen und zu optimieren, während sie virtuelle Simulationen zukünftiger Szenarien durchführen können.

Und mit welchen Vorteilen punktet ABB im Rahmen der Dassault-Partnerschaft gegenüber dem Mitbewerb?

Pichler: Diese wegweisende Partnerschaft ermöglicht unseren Kunden Innovations- und Wachstumssprünge. Mit unserem Angebot können sie ihre gesamte Wertschöpfungskette grundlegend verändern, um die großen Chancen der industriellen Digitalisierung zu nutzen. Zusammen bieten wir ein offenes, durchgängig digitales Portfolio – vom digitalen Zwilling bis hin zu Investitionssicherheit. Mit Dassault Systèmes erweitert ABB ihr starkes Partnernetzwerk für die industrielle Digitalisierung, dem unter anderem Microsoft, HPE und IBM angehören.

Inwiefern?

Pichler: Bisher nutzt ABB die “3DExperience”-Plattform von Dassault Systèmes für die Modellierung und Simulation ihrer Lösungen, bevor diese ausgeliefert werden. Mit der Partnerschaft sollen nun digitale Zwillinge entwickelt und Anwendern zur Verfügung gestellt werden. Damit können unsere Kunden ihre Arbeitsprozesse mit verbesserter Effizienz, Flexibilität und Nachhaltigkeit betreiben. Die Unternehmen werden sich in einem stufenweisen Ansatz auf Lösungen für die Fabrikautomatisierung und Robotik, Prozessindustrieautomatisierung sowie Elektrifizierung für intelligente Gebäude konzentrieren.

Welche Digitalisierungsstrategie hat ABB im Allgemeinen?

Pichler: ABB verfügt mit ABB Ability bereits über ein führendes digitales Lösungsangebot für die Industrie. Es wurde 2017 auf den Markt gebracht und bietet mehr als 210 digitale Lösungen für die Planung, den Aufbau und den Betrieb von Industrieprozessen mit höherer Produktivität und Sicherheit zu niedrigeren Kosten. ABB Ability vereint unser branchenübergreifendes digitales Know-how und erstreckt sich vom einzelnen Gerät über den Netzwerkrand bis hin zur Cloud. Die Geräte, Systeme, Lösungen, Services und ABB Ability-Plattform versetzen unsere Kunden in die Lage, schneller, besser und weiter zu gehen – gemeinsam mit uns.

Das Thema Security ist derzeit wieder verstärkt in den Fokus gerückt. Angriffe auf „vernetzte“ Unternehmen nehmen zu. Wie begegnet ABB mit seinen Produkten am Markt diesem heiklen Thema bzw. was wird für die Sicherheit geboten?

Pichler: Die Cyber-Gefahren für industrielle Prozesse sind in den vergangenen Jahren immer mehr in den Fokus geraten. Dennoch schätzen viele Verantwortliche die allgemeine Gefahr höher als die für ihre eigene Organisation ein. In dieser Situation ist es wichtig, für geeignete Cyber-Security-Maßnahmen zu sensibilisieren und diese auszubauen. ABB hat eine schrittweise Vorgehensweise definiert, durch die die Kunden über mehrere
Entwicklungsstufen zu bestmöglicher Sicherheit begleitet werden. Wir schaffen Aufmerksamkeit für die Problematik, wir setzen Basismaßnahmen um, beispielsweise gehärtete Systeme, und wir leiten aus Cyber-Security-Assessments bedarfsgerechte
Spezialmaßnahmen aus unserem detaillierten Serviceportfolio ab. Ergänzt werden diese Maßnahmen durch unsere Remote und Online Security Services aus dem Collaborative Operation Center.

Spielen beim Thema Security Partnerschaften ebenfalls eine Rolle für ABB?

Pichler: Die umfassende Kompetenz von ABB als Partner in Sachen Informationssicherheit zeigt sich auch in einem jüngst erreichten Zertifizierungserfolg: In nur vier Monaten hat der
Geschäftsbereich Grid Automation von ABB Deutschland das Zertifikat für die Einführung und Aufrechterhaltung eines Informationssicherheitsmanagementsystems (ISMS) nach ISO 27001 erworben; Cyber Security ist einer der Aspekte der Zertifizierung. Um das Zertifikat zu erreichen, musste dieser Geschäftsbereich einen dreistufigen Prozess mit Definition des Anwendungsbereichs, Schutzbedarfsanalyse und Risikobewertung durchlaufen. Damit ist der Bereich Grid Automation in der Lage, den Kunden zu belegen, dass seitens ABB die gleichen Vorgaben erfüllt werden, die sie als Betreiber einer kritischen Infrastruktur nach
gesetzlichen Vorgaben selbst zwingend einhalten müssen. Damit macht es ABB für den Kunden bei dessen eigener Zertifizierung viel einfacher, nachzuweisen, dass sein ISMS der Norm entspricht – denn die normkonformen Schnittstellen zu den Lieferanten sind Teil des ISMS.

Des Weiteren engagieren sich ABB und Microsoft in einer engen strategischen Partnerschaft für die digitale Transformation in Kundensegmenten wie Robotik, Marine und Häfen, Elektrofahrzeuge und erneuerbare Energien. Mit der Wahl von Microsoft Azure als Cloud-Lösung für die integrierte Konnektivitätsplattform erhalten Kunden Zugang zu einer Cloud-Infrastruktur der Enterprise-Klasse, die mit milliardenschweren fortlaufenden
Investitionen ständig weiterentwickelt wird. Gemeinsam werden ABB und Microsoft die Entwicklung neuer digitaler Lösungen beschleunigen, die die Produktivität der Kunden
durch erhöhte Verfügbarkeit, Geschwindigkeit und Ertragskraft verbessern werden.

Ein Beispiel: Im Bereich der Prozessindustrie ist das Thema Fernwartung eine Komponente, die einen Angriff auf die Systeme begünstigt. Sehen Sie diesen Schritt der Digitalisierung
gleichzeitig auch als Risiko für Cyberangriffe?

Pichler: Wir empfehlen Security-Maßnahmen nach dem Defense-in-Depth-Konzept. Das bedeutet, dass bestimmte Bereiche durch koordinierte Sicherheitsmaßnahmen sowohl technisch als auch prozessbezogen ineinandergreifen und im Zusammenspiel eine starke Abwehr sicherstellen. Und weil Menschen Fehler machen, sind das Vier-Augen- Prinzip mit defi nierten Freigabeprozessen sowie Monitoring auf Protokollebene ein guter Schutz gegen Fehler aus dem Inneren. Somit stellt das Biological Interface, also der Mensch vor dem
System, immer mehr im Fokus. Social Engineering identifiziert in einer immer stärker vernetzten Welt die Schwachstellen eines Menschen und nutzt diese aus. Grundsätzlich sollten Hersteller, Betreiber und Integratoren im Dialog stehen. Die Kommunikationswelten
von OT und IT müssten sich noch stärker verbinden, um Gefahren in der Zukunft noch stärken entgegen wirken zu können. Und – last not least – sollte Cyber Security bei Investitionen in digitale Infrastruktur einen angemessenen Anteil von 5 bis 10 % der Gesamtinvestition erhalten.

Wie kann man dem in Zukunft bestens begegnen?

Pichler: ABB als Partner, eröffnet unseren Kunden mit ABB Ability den Zugang zu attraktiven Möglichkeiten des industriellen Internets der Dinge und lässt dank unserer Dienstleistungen und Expertise mit ABB Ability auf Daten Taten folgen. So schließt sich
der Kreis und es entsteht in der physischen Welt echter Mehrwert für den Kunden.
Während andere erst vor Kurzem den Wert der Digitaltechnologie entdeckt haben, sind wir seit Langem Experten für die Integration von digitalen Komponenten in die Steuerungssysteme unserer Kunden. Dazu zählen Sensoren, Software, digitale
Netzwerke und neuerdings die Möglichkeiten des IIoT. Mit ABB Ability machen wir nun die geballte Macht unseres kollektiven Wissens sichtbar und zeigen auf, wie dieses Know-how für unsere Kunden integriert und angewendet werden kann. So arbeiten zum Beispiel unsere Wissenschaftler im ABB-Konzernforschungszentrum in Dättwil an weiteren Lösungen im Bereich Cyber Security, um dieser Thematik auch in Zukunft zielgerichtet begegnen zu können.

Das Interview ist in Ausgabe 03/19 von IoT4 Industry & Business erschienen. Die komplette Ausgabe lesen Sie hier als ePaper.