Digitalisierung | „Die Summe der Arbeitsplätze wird wohl nicht weniger!“

Die Digitalisierung bringt für Unternehmen viele Herausforderungen mit sich: Wie sich riesige Datenmengen, Cybersecurity und Investitionsvolumen in Zukunft auf Prozesse in Firmen auswirken werden, weiß DI (FH) Johannes Riha, Manager des Mess- und
Prüftechnikspezialisten GGW Gruber, und er wagt einen Blick in die Kristallkugel des Industrial Internet of Things.

IIoT ist in aller Munde. Sie sind nahe an den Unternehmen dran. Wie stark ist die Digitalisierung bereits im Feld angekommen?

DI (FH) Johannes Riha: Man muss die Unternehmen beim Thema Digitalisierung in drei Gruppen unterteilen: Erstens die ganz großen, hochautomatisierten, die in fix fertigen Linien schon seit Jahren Losgröße 1 produzieren bzw. Prototypen durchschleusen können. Hier werden vollautomatische Steuerung und KI schon seit Jahren eingesetzt. Es geht jetzt darum, weg von selbst geschaffenen Insellösungen zu einem Standard zu kommen.
Dann gibt es die klassischen Mittelständler: Hier besteht großes Potenzial, mit relativ geringem Kostenaufwand viele Prozesse mit Automatisierung zu optimieren. Hier gibt es unzählige Möglichkeiten. In der Messtechnik sprechen wir beispielsweise davon, Messmaschinen direkt in die Fertigungsumgebung zu stellen und so, zum Beispiel auch mit automatischer Palettenbestückung, die Durchlaufzeiten dramatisch zu reduzieren.

Und drittens dann wohl die Kleinstbetriebe, die sich bisher mit Digitalisierung kaum auseinandergesetzt haben?

Riha: Richtig. Oft herrscht hier Angst vor großen Investitionen. Dabei reichen kleine Modernisierungsschritte, um Fortschritte in Fertigungsprozessen erzielen zu können. Eine kleine Schlosserei  zum Beispiel, die bisher noch händisch mit analogen Messschiebern gearbeitet hat, kann sich mit kleinen, intelligenten Gadgets schon helfen und enorm Zeit sparen. Messschieber oder andere Handmessmittel verbinden sich drahtlos mit einem PC und protokollieren alle gemessenen Kenngrößen mit. Der Kunde hat mit einer überschaubaren Investition lückenlose und saubere Protokollierung und kann sogar
statistische Analysen auswerten.

Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich konfrontiert?

Riha: Die eigentliche Herausforderung ist, dass die Fertigungstoleranzen immer geringer werden und wir das natürlich dann auch messen können müssen. Wir sprechen da zum Beispiel von spiegelglatten Oberflächen in verwinkelten Werkstücken, wo
die Spiegelglätte nachgewiesen werden muss. Und das konform mit neuen Normen, wie zum Beispiel in der Automobilindustrie, die ganz stringente Prozesse und Analyseverfahren von uns verlangt.

Welche Rolle spielt der Faktor Mensch?

Riha: Es braucht für diese komplexen, robotergesteuerten Abläufe wahnsinnig gutes Personal. Messabläufe müssen fehlerfrei programmiert werden, sonst kommt es zu sehr teuren Schäden. Fachkräfte sind ohnehin schon Mangelware und werden in Zukunft
noch mehr nachgefragt.

Sprechen wir über die Zukunft der Messtechnik – wo geht die Reise hin?

Riha: Hier gebe ich das Stichwort Multisensorik: Wir haben Maschinen, die optisch, zum Beispiel mittels Laser oder Weißlicht, und auch tastend messen. Diese sind sehr flexibel, die Entscheidung liegt beim Bediener, wie er welches Teil vermisst. Der Trend geht sehr stark in Richtung Verlegung der Messtechnik in die Produktionshallen, um Wege zu verkürzen und so effizienter zu sein. Daher wird optische Messung in Zukunft vermehrt zum Einsatz kommen, weil sie temperatur- und schwingungsunabhängig arbeitet.

Wir stehen also vor der Herausforderung Messtechnik anzubieten, die äußere Einflüsse gut kompensieren kann. Es geht hardwareseitig darum, Messkreise zu verkleinern, Schwingungen zu isolieren, aber dennoch wartungsfreundlich zu bleiben. Softwareseitig geht es stark in Richtung Vernetzung und Datenspeicherung, aber auch AI-Technologien wie Deep Learning sind gefragt.

Gerade bei optischer Vermessung entstehen doch riesige Datenmengen. Wie und wo werden diese gespeichert?

Riha: Der Punkt ist eher, dass diese großen Bilder teilweise jahrelang gespeichert werden müssen. Gerade in der Automobilindustrie braucht es für die Ursachenforschung oft Jahre nach Auslieferung eine genaue Dokumentation – wann, wie und wo welches Teil gefertigt wurde. Wir sprechen hier von Unmengen von Daten. Eines unserer optischen Systeme, das in eine vollständige Fertigungslinie integriert ist, produziert pro Minute bis zu 6 Gigabyte an Bildmaterial. Kunden brauchen riesige Serverräume oder passende Cloudlösungen. Das wird in Zukunft ein wichtiges Thema und auch ein großer Markt werden. Und dann müssen diese Bilder auch wiedergefunden werden. Das heißt, es braucht eine genaue Dokumentation. Das Positive daran ist: Die Summe der Arbeitsplätze wird wohl nicht weniger.

Weiters spielt Datensicherheit eine Rolle. Wie ist Ihre Wahrnehmung?

Riha: Dies ist auch bei uns eine große Challenge. Ein Beispiel: Wir arbeiten oft per Fernwartung, um möglichst effizient und schnell Fehler beheben oder identifizieren zu können. Das Problem ist, dass Unternehmen mit unterschiedlichster Sicherheitssoftware arbeiten und wir oft tagelang nicht auf die Maschine zugreifen können. Schwierig kann es auch werden, wenn Kunden unsere mitgelieferten Computer nicht einsetzen wollen, denn unsere PC-Systeme sind zu 100 Prozent mit der betreffenden Maschine kompatibel und geprüft. Natürlich können wir den firmeneigenen Computer auch mit der Maschine koppeln, das funktioniert noch gut… solange, bis der Computer aus seinem Heimatnetzwerk die neuesten Sicherheitsfeatures lädt. Dann funktioniert die Maschine plötzlich nicht mehr und wir brauchen oft Tage, um das zu identifizieren und wieder zu beheben. Ergo: Datenflut und -sicherheit sind in Zukunft bestimmt jene Themen, die die Industrie beschäftigen werden.

Dieses Interview erschien in Ausgabe 2/2019 von IoT4 Industry & Business. Diesen und weitere Artikel können Sie unter folgendem Link im ePaper nachlesen.